Für viele Philosophen und Religionsstifter ist es der erste Schritt auf dem Weg zum Glück: trenne dich von deinem Besitz! Hertha-Coach Lucien Favre machte aus dieser Philosophie eine Erfolgstaktik für Hertha BSC. Die Mannschaft lässt den Gegner das Spiel machen, steht in der Abwehr sicher und starke Offensivkräfte machen aus wenigen Chancen ausreichend Tore.
Doch das heutige Heimspiel gegen Borussia Dortmund zeigt erneut: wenn Hertha mehr vom Spiel hat, stimmen die Ergebnisse nicht mehr.
Man hat sich als Herthafan ja beinahe daran gewöhnt: Hertha spielt nicht für die Galerie, gewinnt aber die Spiele – wenn auch denkbar knapp und häufig mit nur einem Tor Vorsprung. Oder wie die Schweizer Zeitung Der Bund feststellte:
Entscheidend ist beim Ballbesitz allerdings nicht, wie viel man davon hat, sondern, was man damit macht. Die Berliner haben sich zwar erst der Wunschvorstellung von Favre angenähert, zeigen aber jetzt schon, was möglich ist, wenn man den Ball intelligent weiterspielt.
Da diese Taktik an die Tabellenspitze führte, gab es auch keinen Grund zum Klagen. Betrachtet man die Spiele der Rückrunde einzeln, verwundert es aber, dass Hertha augenscheinlich echte Probleme bekommt, wenn der Ballbesitz zu groß wird.
Schauen wir kurz zurück:
- 18. Spieltag: im Heimspiel gegen Frankfurt hat Hertha nur 44% Ballbesitz. Zwei Treffer aus sechs Schüssen aufs Tor reichen aber zum 2:1-Erfolg.
- 19. Spieltag: in Bielefeld ist Hertha genau zu 50% in Ballbesitz, doch es reicht nur zu einem 1:1 Unentschieden.
- 20. Spieltag:Rekord! Nur 31% Ballbesitz zuhause gegen die Bayern, dazu gerade mal drei Schüsse aufs Tor. Davon sind aber zwei drin – 2:1.
- 21. Spieltag: ausgeglichener Ballbesitz in Wolfsburg. Drei Torschüsse, nur ein Tor wird anerkannt – 1:2-Niederlage.
- 22. Spieltag: gegen Gladbach schafft Hertha 46% Ballbesitz. Von 5 Schüssen aufs Tor landen zwei im Netz und bringen den 2:1-Sieg.
- 23. Spieltag: in Cottbus reichen Hertha 47% Ballbesitz für drei Tore zum 3:1-Sieg (7 Schüsse auf das Tor).
- 24. Spieltag: zuhause gegen Leverkusen wieder nur 42% Ballbesitz. Ein Drittel der Schüsse aufs Tor trifft: 1:0.
- 25. Spieltag: auch nur 45% Ballbesitz in Stuttgart. Doch diesmal kein Treffer von Hertha – 0:2 verloren.
- 26. Spieltag: 49% Ballbesitz – höchster Wert in einem Heimspiel in der Rückrunde. Doch auch hier eine Niederlage – 1:3.
Was beweist also die Statistik? Natürlich gar nichts. Aber die Punktverluste kamen fast alle bei Spielen zustande, in denen Hertha überdurchschnittlich hohen Ballbesitz hatte – wie auch heute.
Vielleicht brauchen die Stürmer den Druck, treffen zu müssen, wenn sich bei wenig Ballbesitz nur wenig Chancen ergeben? Gegen Dortmund blieben gute Chancen ungenutzt oder wurden in höchster Not durch die Latte oder Gegenspieler vereitelt.
Im Stadion bin ich über die Saison um Jahre gealtert, weil Hertha es immer so spannend gemacht hat. Heute hatte ich nach dem Rückstand das Gefühl, dass Hertha kaum verlieren kann, wurde doch schön nach vorn gespielt und Chancen erarbeitet. Aber wenn die ungenutzt bleiben und die Abwehr nicht so sicher steht wie gewohnt, setzt es am Ende eine Niederlage.
Lieber Trainer, liebe Spieler, ich bin bereit zu leiden. Lasst mich weiter altern und gestaltet die Spiele knapp – wenn ihr dann am Ende wieder gewinnt, ist es mir das wert!

15. April 2009 um 00:06
In der Tat scheint Hertha die letzten 3 Spiele auf eine Art und Weise verloren zu haben, wie sie die Spiele vorher gewonnen haben. Sie waren besser und gingen mit leeren Händen nach Hause.
Kopf hoch Jungs, 3 Punkte gegen Werder wären Balsam auf die angeknackste Hertha-Seele!
21. April 2009 um 13:55
[...] Zu viel Ballbesitz bekommt der Berliner Mannschaft nicht. Aber ob man nach zwei Niederlagen gleich durchgereicht wird, wage ich zu bezweifeln. Man muss sich allerdings wundern, warum die zwei Dinge, die Hertha in den letzten Spielen ausgezeichnet haben, gegen Dortmund überhaupt nicht funktioniert haben: Treffsicherheit und Abwehrstärke. Dass die Stürmer nicht treffen, kommt vor. Das ist nicht weiter schlimm, hat doch immerhin Raffael ein sensationelles Tor geschossen. In den letzten Wochen hätte dieses Tor für einen Sieg gereicht. Aber die Ersatz-Außenverteidiger SvB und Rodnei sind eben kein gleichwertiger Ersatz für Chahed und Stein. Gereicht hätte dieses Tor eben auch deshalb, weil Simunic und Friedrich bisher in der Rückrunde kaum zu überwinden waren. Gestern dann ein Stellungsfehler beim ersten Tor von Alexander Frei und vollkommen konfuse Zuordnung beim Kopfballtor von Kehl. Wie konnte er nur so frei zum Kopfball kommen? Das ist mir unerklärlich. Diese Schwächen glaubte man bei Hertha schon überwunden zu haben. Ich hoffe, dass sich die Mannschaft berappelt und sich gegen Hannover wieder im Titelkampf zurückmeldet. Ansonsten war es das dann und alle Hertha-Misanthropen werden wieder aus ihren Löchern gekrochen kommen. [...]